Als Hamburg plötzlich ohne Hose U-Bahn fuhr

Manchmal findet man beim Herumstöbern im Internet Dinge wieder, bei denen man kurz denkt:

Ach ja. Das habe ich ja auch mal gemacht.

In diesem Fall war es ein alter Zeitungsartikel aus dem Jahr 2015. Darin ging es um Menschen, die mitten im Januar ohne Hose durch Hamburg fuhren.

Mit der U-Bahn.

Und ich war nicht etwa zufällig dabei.

Ich gehörte zu denen, die dazu aufgerufen hatten.

Eine Idee aus New York

Der No Pants Subway Ride begann 2002 in New York. Hinter der Aktion steckte die Gruppe Improv Everywhere. Die Idee war ebenso simpel wie absurd: Menschen fahren ganz normal mit der U-Bahn – und entledigen sich irgendwann ihrer Hose.

Keine Demonstration, keine große Botschaft. Es ging um den absurden Moment und darum, andere Menschen zum Lachen zu bringen.

Aus der New Yorker Aktion wurde mit den Jahren ein internationales Ereignis mit Teilnehmern in zahlreichen Städten rund um die Welt.

Und irgendwann auch in Hamburg.

Ich war damals Mitglied der Hamburger Flashmob-Community. Wir organisierten unterschiedliche Aktionen und waren natürlich immer auf der Suche nach neuen Ideen.

Menschen dazu zu bringen, mitten im Hamburger Winter ihre Hosen in der U-Bahn auszuziehen?

Klang passend.

Im ersten Jahr waren wir noch Anfänger

Bei unserer ersten Hamburger Ausgabe war der Ablauf noch vergleichsweise einfach. Wir starteten alle an derselben Haltestelle.

Was wir allerdings ein wenig unterschätzt hatten:

Die Presse hatte ebenfalls Wind von der Sache bekommen.

Und mit Presse meine ich nicht ein oder zwei Fotografen, die irgendwo möglichst unauffällig am Bahnsteig herumstanden.

Am Treffpunkt erschienen gleich mehrere Fernsehteams, darunter RTL Nord.

Die stiegen anschließend sogar mit uns in die U-Bahn und versuchten dort, möglichst „unauffällig“ zu filmen.

Was mit einem Fernsehteam samt Kameraausrüstung in einer U-Bahn ungefähr so gut funktioniert, wie man es sich gerade vorstellt.

Immerhin waren sie vorbereitet: Sie hatten sich sogar entsprechende Drehgenehmigungen vom HVV besorgt.

Für die Berichterstattung war das natürlich prima.

Für das Grundprinzip eines Flashmobs eher weniger.

Wir mussten an der Choreografie arbeiten

In den folgenden Jahren wurde die Hamburger Variante deshalb etwas ausgefeilter.

Es gab einen gemeinsamen Treffpunkt, an dem zunächst erklärt wurde, wie die Aktion ablaufen sollte. Anschließend fuhren einzelne Gruppen voraus und verteilten sich auf die folgenden drei Haltestellen.

Und ganz wichtig:

Alle waren zunächst vollständig angezogen.

Die Hose blieb also keineswegs zu Hause.

Dann kam die Bahn.

Die ersten Teilnehmer stiegen ein.

Eine Station später kamen weitere dazu.

Dann noch einmal welche.

Und erst in der Bahn kam der entscheidende Moment:

Hose aus.

Natürlich blieb die Unterwäsche an. Die Hose verschwand in einer mitgebrachten Tasche oder einem Rucksack.

Danach bestand die eigentliche Kunst darin, sich möglichst so zu verhalten, als wäre überhaupt nichts Besonderes passiert.

Herumsitzen. Lesen. Aus dem Fenster schauen.

Und möglichst nicht den anderen Teilnehmern quer durch den Wagen verschwörerisch zugrinsen.

Für die normalen Fahrgäste entwickelte sich die Situation dadurch erst nach und nach.

Gerade eben war das noch eine vollkommen gewöhnliche Hamburger U-Bahn.

Und plötzlich saßen erstaunlich viele Menschen darin, die offenbar völlig unabhängig voneinander beschlossen hatten, an diesem Tag auf Beinkleidung zu verzichten.

Teilnehmer des No Pants Subway Ride in Unterwäsche beim Umsteigen in der Hamburger U-Bahn..
Spätestens beim Umsteigen war dann allerdings nichts mehr unauffällig.

Die Sache mit der Unterwäsche

Natürlich gab es Regeln.

Lustig durfte die Unterwäsche sein. Ausgefallen auch. Pompös? Sehr gerne.

Nur anstößig sollte es nicht werden.

In einer späteren Veranstaltungsankündigung formulierten wir das sogar ziemlich deutlich: Strings oder „Rüsselslips“ waren ausdrücklich nicht erwünscht. Es sollte schließlich lustig und nicht anstößig sein.

Schließlich ging es nicht darum, andere Fahrgäste zu schockieren.

Wir wollten sie zum Schmunzeln bringen.

Und daran erinnere ich mich tatsächlich noch: an viele amüsierte Gesichter.

Dieses kurze Zögern.

Der Blick auf die Person gegenüber.

Noch ein Blick durch den Wagen.

Und irgendwann vermutlich die Erkenntnis:

Hier stimmt doch irgendetwas nicht.

Genau darum ging es.

Al Fonso fährt U-Bahn

Bei der Wahl der Unterwäsche durfte man durchaus kreativ werden.

Und 2012 hatte ich dafür sogar ein echtes Einzelstück.

Frank Bürmann von The Art of Hamburg bemalte eigens für mich eine weiße Unterhose. Das Motiv stammte von Al Fonso, seinem etwas versauten Alter Ego.

Und das gute Stück blieb im Einsatz: Am 8. Januar 2017 präsentierte ich es auf Instagram erneut mit den Worten:

„Heute mal wieder mit Kunst von Al Fonso unterwegs!“

Sagen wir es so:

Unauffällig war die Unterhose nicht.

Sollte sie aber auch gar nicht sein.

Und falls sich jemand fragt, was daraus geworden ist:

Ich habe sie noch.

Ingo trägt beim No Pants Subway Ride eine von Frank Bürmann bemalte Al-Fonso-Unterhose.
Al Fonso im Einsatz beim No Pants Subway Ride 2017.

Die Unterhose hatte damit eine längere No-Pants-Subway-Ride-Karriere als so mancher Teilnehmer.

Und die Presse durfte trotzdem wiederkommen

Aus den Erfahrungen des ersten Jahres hatten wir gelernt.

Die Medien waren auch bei späteren Aktionen willkommen. Nur wollten wir vorher wissen, wer kommt und wie die Berichterstattung ablaufen sollte.

Denn wenn bereits ein Kamerateam im Wagen steht und darauf wartet, dass gleich etwas passiert, ist das Überraschungsmoment naturgemäß überschaubar.

In unserer Veranstaltungsbeschreibung für 2018 gab es deshalb sogar einen eigenen Hinweis für die Presse. Nach den schlechten Erfahrungen des ersten Jahres baten wir ausdrücklich um vorherige Kontaktaufnahme. Berichterstattung war willkommen – nur sollten Kamerateams nicht wieder die eigentliche Aktion in den U-Bahnen zerstören.

Treffpunkt war 2018 übrigens der U-Bahnhof St. Pauli am Ausgang Heiligengeistfeld. Vollständig bekleidet, versteht sich.

Man kann schließlich viel über uns sagen. Aber unorganisiert waren wir nicht.

Und heute?

Heute stolpere ich wieder über alte Artikel, Veranstaltungsbeschreibungen und Fotos aus dieser Zeit und denke:

Ach ja. Da war ja was.

Es gab tatsächlich einige Jahre, in denen wir Menschen dazu brachten, sich mitten im Januar in Hamburger U-Bahnen ihrer Hosen zu entledigen.

Mit Treffpunkt.

Mit Ablaufplan.

Mit verteilten Einstiegsstationen.

Mit Pressekoordination.

Mit Drehgenehmigungen.

Und gelegentlich mit eigens von Hamburger Künstlern bemalten Unterhosen.

Andere Menschen sammeln Briefmarken.

Ich habe Flashmobs organisiert.

Wobei …

Inzwischen sammle ich auch Briefmarken.

Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

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